Leiharbeit

"Übernahme? Fehlanzeige!"

Oliver Schneider ist seit Jahren als Leiharbeiter beschäftigt. Mittlerweile hat er 30 verschiedene Jobs in rund 45 Firmen hinter sich. Von seinem Loh kann der 31-Jähre aus dem baden-würtemberischen Bietigheim-Bissingen kaum leben. Und seine Zeitarbeitsfirma weigert sich den tarifvertraglichen Branchenzuschlag zu zahlen. Mit Hilfe der IG BCE hat er Klage eingereicht.

Thomas Kienzle

Leiharbeiter Oliver Schneider kann von seinem Lohn kaum leben.

"Gelernt habe ich Kfz-Elektriker und Mechatroniker bei Daimler in Sindelfingen. Ein paar Jahre habe ich im Handwerk gearbeitet, aber als es knapp wurde, war ich derjenige, der gehen musste. Ich war ja der jüngste.

Zur Zeitarbeit bin ich dann über das damalige Arbeitsamt gekommen. Die Sachbearbeiter damals nutzten  Zeitarbeit als „Jobwunder“.  Am Anfang war es sogar interessant, ich kam auf Montage nach England, Österreich oder Ungarn und habe auch nicht schlecht verdient. In den besten Zeiten bin ich mit 3500 Euro nach Hause gegangen, auch dank diverser Zulagen. Doch während der Schröder-Regierung und der Einführung von Hartz IV  sank mein Einkommen auf einen Schlag auf etwa 900 Euro im Monat. Eine Aufstockung wurde nicht genehmigt. So führte ich die gleichen Arbeiten wie sonst für einen Hungerlohn aus.  Übernahme ? Fehlanzeige !

Inzwischen habe ich bestimmt schon 30 verschiedene Jobs in ungefähr 45 Firmen gemacht. Zuerst war ich alle paar Wochen in einem anderen Betrieb, dann kamen langfristige Einsätze. Bei der Hotline der örtlichen Müllabfuhr habe ich Reklamationen angenommen, war auf Montage für verschiedene Metallfirmen und habe Maschinen gerüstet. Man muss sich auskennen und ziemlich flexibel sein, der häufige Wechsel ist stressig. Manchmal war eintönige, blöde Arbeit dabei, und ich fühlte mich wie ein Depp behandelt. Aber in den letzten vier Jahren wurde ich in Firmen eingesetzt, die  mir Verantwortung geben, das ist mir wichtig. Das Problem ist nur die Bezahlung.   

Mein Entleiher ist ein mittelständisches Unternehmen, Marktführer für die Reinigung von Teilen für  Halbleiterfertigungen, und gehört zum Arbeitgeberverband der Chemie-Industrie. Wir arbeiten in Schichten von 6 bis 14 und von 14 bis 22 Uhr. Ich arbeite im Warenausgang, verpacke und kommissioniere, be- und entlade Lkw’s, unterschreibe Lieferscheine und bin auch für die innerbetriebliche Versorgung mit zuständig. In der Firma arbeiten etwa hundert Leute, um die 25 sind Zeitarbeiter. Sie sind aber ganz regulär in der Produktion eingesetzt. Auch vakante Stellen werden von Zeitarbeitern besetzt. Einen Betriebsrat gibt es nicht. Nach meiner Einschätzung besteht auch kein Interesse daran. Doch das Verhältnis zu den Kollegen ist gut, wir arbeiten voll mit, niemand guckt uns schräg an.

Seit fünf Jahren bin ich bei derselben Zeitarbeitsfirma – mit Unterbrechungen: einmal wurde ich nach einem Arbeitsunfall gekündigt, einmal über Weihnachten und dann zum neuen Jahr wieder eingestellt. Ich hatte es schon mit sechs verschiedenen Personaldisponenten zu tun, auch zwei Niederlassungsleiter habe ich überlebt.

Jetzt wollen sie  die Branchenzuschläge nicht zahlen, die mir seit dem 1. November zustehen. Man  redet sich damit heraus, dass der Entleiher selbst keine Chemiefertigung betreibt. Mit Hilfe des IG BCE-Bezirks haben wir den Anspruch geltend gemacht, aber ich habe keine Antwort bekommen. Stattdessen empfahl mir meine Vorgesetzte zu überlegen, wie wichtig mir mein Job ist. Auch die neue Niederlassungsleitung stellt sich quer. Niemand traut sich, in irgendeiner Form aktiv zu werden. Mit Unterstützung der IG BCE versuche ich nun, die Zuschläge einzuklagen.

Das Geld reicht einfach nicht. Ich bekomme jetzt 1050 Euro netto. Damit ich wenigstens so viel wie ein Hartz IV-Empfänger habe, zahlt das Jobcenter monatlich etwa 50 Euro dazu.  Aber auch 1100 Euro reichen nur immer für  zwei Drittel eines Monats, dann wird es eng. 500 Euro kostet ja schon die Miete. Außerdem habe ich Fahrtkosten, mein Arbeitsweg dauert mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine Stunde. Als ich nach Fahrtkostenbeteiligung fragte, hieß es ich solle das übers Finanzamt machen. Abzüglich meiner Fixkosten und einem Freibetrag bleiben mir weniger als 300 Euro im Monat zum Leben. Es ist einfach keine Luft da. Ich geh nicht viel weg, aber gelegentlich ein Bier in der Kneipe wäre nett. Mit den Branchenzuschlägen hätte ich allein im November 2012 185 Euro mehr gehabt, und der Anspruch steigt ja mit der Entleihdauer immer weiter. Früher habe ich Volleyball gespielt, das geht jetzt wegen der Schichten nicht mehr.

Zeitarbeit bedeutet Ausbeutung und Einschränkungen, das weiß jeder, der es selbst erlebt."

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